Inzest und Ahnenschwund

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Astacus

Inzest und Ahnenschwund

Beitrag von Astacus » So 30. Sep 2012, 16:34

Dass in meinem Heimatort, Oppligen BE (und wohl auch anderswo...), einige Familien doch sehr nahe und über einen langen Zeitraum miteinander verwandt waren, ist mir schon früh aufgefallen.
Die Heirat unter Verwandten führte zu Ahnenschwund, ein solcher Kreis (oder besser Spirale...), dreht sich vom späten 18. Jahrhundert, bis in die Anfänge der KB.
Einen „richtigen“ und auch so deklarierten Fall von Inzest, fand sich aber nur ein mal.
Das Kind hat nicht überlebt und wurde schon bei der Geburt als ein Kind zweibändiger Geschwister (gleicher Vater und Mutter) genannt.

Totenrodel 1734
PDF KB-Wichtrach 2077/43

Verstorbene
Ano 1734 d 28 Merz
Jacob Krebs ein Kindli
von Opligen. Dessen
hinterlassene Elteren
Vatter und Muetder
heissen Christen Krebs
Anna Huber. Dieser
Christen Krebs und Anna
Hueber von denen diss
Kind erzeüget, sind
wahre Gschwisterte von
beyden Banden ist getauft
word den 6. Novbr 1733.
Welcher Casus unter dem
Hohen Richter zu Bern
liget.

Die Filiation der Eltern, gibt uns doch Problme auf..., dass diese „wahre Geschwister“ waren, macht es nicht leichter... Wir haben uns da so einige Szenarien zurecht gelegt und einige auch wieder verworfen:

Waren die Eltern richtige Geschwister und die Mutter mit einem Huber verheiratet...? Ein Vermerk, dass das Kind unehelich war, ist aber nicht zu finden.

War die Mutter ein Kuckuckskind...:(?
Ein Ehepartner geht fremd und zeugt mit jemandem, der ebenfalls verheiratet ist, ein Kind. Dies fällt nicht auf, da eh eine Schwangerschaft "fällig" war, das „Kuckuckskind“, in diesem Fall Anna Huber, lebt unerkannt in der Familie...
Bei beiden Ehepaaren stirbt ein Partner und die Verbleibenden (Die Eltern des Kuckuckskindes...) heiraten einander. Nun zeugen sie gemeinsam und legal, ein weiteres Kind (Christen Krebs), womit die vermeintlichen Stief- Halbgeschwister, nun in einer Familie leben, aber eben richtige Geschwister sind...

Tönt alles etwas abenteuerlich und natürlich sind auch keine passenden Personen für ein solches oder ähnliches Szenario zu finden...
Biologisch ist die Definition des Inzest klar. Wie sah es damals juristisch aus, wurden beispielsweise Einbändige-Geschwister, also Halbgeschwister, durch die Heirat ihrer Eltern zu richtigen Geschwistern...?

Ich gehe davon aus dass Inzest, damals wie heute, ein Tabuthema war. Hat sich schon jemand mit diesem Thema beschäftigt und weiss mehr? Das sprichwörtliche „Heiraten über den Miststock“ oder die „Inzucht Höger“ scheint es doch gegeben zu haben...

Gruss Andreas



wkla
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Re: Inzest und Ahnenschwund

Beitrag von wkla » So 8. Aug 2021, 16:34

Mit dem Fortschritt in meine Familienstammbaum wird der Ahnenschwund (Implex) zunehmend auch ein Thema. Ich finde immer mehr Familien (x-fache Ur-Grosseltern) von denen mehr als ein Ast zu mir, respektive zu einem anderen direkten Vorfahren zeigen.
Eine Auswertung meiner GEDCOM Datei zeigt dass bei total 1120 direkten Vorfahren ca. 80 (40 Paare) vom Ahnenschwund betroffen sind. Die gehen meistens ins 17. und 16. Jahrhundert zurück und die verschiedene Äste erstrecken sich über mindestens 4 Generationen. Mit Ausnahme eines Implex ist das aber nicht sehr offensichtlich, da immer Frauen involviert waren und daher das vom Namen her nicht auf die Schnelle erkennbar ist. Ich gehe davon aus die Nachkommen sich dessen gar nicht bewusst waren. Wenn nicht gerade Adel oder gutbetuchte Bürger im Spiel waren dürfte der eigene Stammbaum kaum festgehalten worden sein.
Oder hat der Pfarrer bei einer Heirat seine Kirchbücher durchforstet um einen möglichen Implex festzustellen? :lol:
Gruss Walter



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Re: Inzest und Ahnenschwund

Beitrag von Wolf » So 8. Aug 2021, 16:51

wkla hat geschrieben: So 8. Aug 2021, 16:34Oder hat der Pfarrer bei einer Heirat seine Kirchbücher durchforstet um einen möglichen Implex festzustellen? :lol:
Ich bin mir nicht sicher, ob alle Pfarrer da gleich sorgfältig waren - aber in manchen Ehebüchern habe ich bei Heiratseinträgen tw. mehrere Generationen zurückgehende "Ahnentafeln" gesehen - man musste für die Einholung des Dispenses ja wissen, im wievielten Grad die Brautleute miteinander verwandt waren.


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Re: Inzest und Ahnenschwund

Beitrag von hhg » Mo 9. Aug 2021, 11:38

Inzest und Ahnenschwund - aus meiner Sicht müsste man im Einzelfall nachforschen, ob tatsächlich Zusammenhäge bestehen, oder anderweitige Ursachen (Migration, Kriege, Hungerjahre, Epidemien, ...) für geringe Nachkommenschaft in Betracht zu ziehen wären.

Das von wkla beschriebene wiederholte Auftreten identischer Vorfahren kenne ich von täuferischen Familien, dürfte aber auch für andere "unter sich" bleibende Gemeinschaften zutreffen. Offenbar waren amtliche Stellen oder auch die Trauungen vornehmenden Geistlichen darauf bedacht dass zwischen den Ehepartnern keine allzu engen Verwandtschaften bestanden, andererseits sind Heiraten zwischen Cousin und Cousine oder Geschwistern aus einer Familie mit Geschwistern aus einer anderen nicht ungewöhnlich. Deren Nachkommen blieben mitunter ledig, ob aus der Befürchtung von Erbkrankheiten oder aus anderen Gründen. Oft entstammt daraus aber auch eine große Nachkommenzahl, ohne dass vermehrten Auffälligkeiten gegenüber "normalen" Familien feststellbar wären.

Aussage eines erfolgreicher Rinderzüchters: Ob man von Inzucht oder von selektiver Züchtung spricht hängt nur vom Ergebnis ab.



Wolf
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Re: Inzest und Ahnenschwund

Beitrag von Wolf » Mo 9. Aug 2021, 12:49

hhg hat geschrieben: Mo 9. Aug 2021, 11:38Inzest und Ahnenschwund [....] für geringe Nachkommenschaft in Betracht zu ziehen wären.
"Ahnenschwund" ist hier nicht ganz der richtige Begriff - weil die Ahnen ja nicht "verschwinden". Der bessere Ausdruck wäre "Ahnenduplex" - weil manche Ahnen eben doppelt (bei Vorfahrengenerationen dann konsequenterweise mehrfach) vorkommen.

Einen Zusammenhang mit "Nachkommenschwund" (eben geringe Nachkommenschaft, auch nicht verschwunden, aber eben nicht gezeugt) würde ich hier nicht sehen.


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Peter.D
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Re: Inzest und Ahnenschwund

Beitrag von Peter.D » Mo 9. Aug 2021, 20:06

Ich weiss nicht, ob sich Walters Beitrag auf einen reformierten oder katholischen Kanton bezieht.

Bei den Reformierten waren jedenfalls neben der direkten Linie im Wesentlichen nur Cousin und Cousine von einer Heirat ausgeschlossen - aber selbst da gab es immer wieder Wechsel in den Regeln, vor allem im 19. Jh.
Bei den Katholiken dagegen war die Verwandtschaft bis zum 4. Grad ein Ehehinderungsgrund aufgrund des kanonischen Rechts, wobei allerdings Dispense möglich waren.

Erst das Ehegesetz von 1874 hat schliesslich die Cousins-Heirat in der ganzen Schweiz erlaubt.
Nach geltendem ZGB gibt es nur noch sehr wenige verwandtschaftliche Ehehindernisse.

Peter



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Re: Inzest und Ahnenschwund

Beitrag von Säntis » Di 10. Aug 2021, 09:45

Grüezi Lesende,

zu Inzest / Ahnenschwund auch im Thread Ahnenimplex / Ahnenschwund / Ahnenverlust

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