Bernhard Müller
Consul und Senator zu Schrobenhausen
- ein genealogischer Beitrag -
von
Maximilian J. Kraus
Willi-Stör-Str. 10, 86159 Augsburg
E-Mail: Ahnenkraus@freenet.de
Augsburg, im Februar 2011
A) Der bittersüße Lebenslauf des Meisters Bernhard Müller .
Wenn von Kerzen und Lebkuchen zugleich die Rede ist, dann ist die Weihnachtszeit da. Honig und Lebkuchen, Kerzen und Wachs gehören als duftende, festliche Dinge ganz einfach zusammen. Erst allmählich entwickelte sich im österreichischen und bayerischen Landen das ehrsame Handwerk des Zuckerbäckers, des Konditors .
In der Stadtmitte von Schrobenhausen „an der Zeil“ – dort betreibt heute noch der Konditor Ecker sein Geschäft – stand vor Zeiten das alte Lebzelterhaus. „Zeil“ nannte man früher die Häuserreihe – eben die Häuserzeile – zwischen dem Rathaus und der jetzigen Lenbachstraße.
Viele Jahre lang zog während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zu Anfang des unruhigen 18. Jahrhunderts Meister Bernhard Müller (Die Schreibweise war auch immer wieder „Miller“.) im Lebzelterhaus an der Zeil hohe, schlanke Kerzen für die Kirchen, niedrige dickleibige Talglichter für die Leutestuben der Ackerbürger, formte bildschöne Wachsstöcke mit herztausigen Jesuskindlein für die Bäuerinnen, die Mägde und Dienstboten in Stadt und Land, schnitt selber als sein Handwerkszeug vielgestaltige Holzmodel und buk danach gut anzuschauende und noch viel besser schmeckende Lebkuchen. Trotzdem bekam der Meister nur sehr selten Honig um den Mund gestrichen.
Bernhard Müller kam 1646 in Schrobenhausen zu Welt. Ein exaktes Geburtsdatum ist nicht zu ermitteln, da die katholischen Kirchenbücher der Pfarrei St. Jakob erst ab 1656 einsetzen. Vitus Müller, sein Vater, der geschäftstüchtige Lachenbräu (Nachmals „Bauernbräu“, heute Gasthaus Wenger, in der Lachen Nr. 2 ), war 1636 nach Schrobenhausen zugezogen. Die Mutter Ursula, war die Witwe des Bierbäu und Bürgermeisters Johann Wilhalm. Ihrem Vitus, gebar sie drei Söhne und drei Töchter. Als sie 1656 nach der Geburt des 6. Kindes starb, schloss Vitus eine 2. Ehe mir der Maria Bayr, der Tochter des Lebzeltler und Bürgermeisters von Aichach Georg Bayr. Diese gebar ihm noch 5 weitere Kinder.
1662 begann Bernhard Müller als sechzehnjähriger seine Lebzelter- und Wachzieherlehre bei Christoph Pirkmair. Erst im Jahr zuvor hatte Pirkmair die Lebzelterwitwe Euphrosina Lumpplechner geehelicht und zugleich mit ihr auch die alteingesessene Lebzelterei an der Zeil erheiratet. Als Meister Pirkmair unerwartet am 17.02.1665 in Schrobenhausen verstarb, hatte Müller seine Lehrzeit noch nicht abgeschlossen. Also lernte der junge Müller bei dem Bruder seiner Stiefmutter, seinem Stiefonkel Georg Bayr, in Aichach aus, sah sich danach mit wachem Augen auf der Wanderschaft diesen und jenen Lebzelter- und Wachszieherladen an, darunter auch nach Ingolstadt in der Landeshauptstadt München , kam schließlich voller neuer Eindrücke wieder zurück und legte hier sein Meisterstück vor.
Am 28.06.1667 stellte der erst einundzwanzig Jahre junge Meister beim Schrobenhausener Magistrat den höflichen Antrag, man möge ihm die freie Gerechtsame für das Handwerk des Wachsziehers, Lebzelters und Weißbierschenks an der Zeil übertragen. Der Stadtmagistrat stimme zu und so wurde Meister Müller an der Zeil ansässig. Schon zwei Monate später heiratete er am 30.08.1667 Regina Diepold von Ingolstadt. Der Paargauhistoriker Georg Augustus Reischl (1894 – 1972) berichtete, dass Müller „einen Haufen Schulden, die seit Jahren für Waren und Honig mitgeschleift“ worden waren, übernehmen musste, dass er jedoch durch seine Tüchtigkeit – und weil er seinerzeit in der Stadt keine Konkurrenz vorfand – „die Lebzelterei auf der Zeil zu hoher Blüte“ bringen konnte .
Müller ließ sich als Zechprobst der St. Antonibruderschaft wählen, er saß als Ratsherr (Senator) mit Sitz und Stimme im Magistrat, amtierte sogar mehrmals als Bürgermeister (Consul) der Stadt. 1698 wird er sogar als 2. Landführer der Lebzelter in München erwähnt . Die Verantwortung für Leben, Hab und Gut der Bürgerschaft der kleinen, mauerumgürteten Landstadt an der Paar lastete während des Spanischen Erbfolgekrieges (1700 – 1715) schwer auf den Schultern des Bürgermeisters und Lebzelters. Der bayerische Landesherr Max Emanuel (1662 – 1726) – der blaue Kurfürst – hatte sich nämlich auf die Seite des Franzosenkönigs Ludwig XIV. (1638 – 1715) gestellt, und musste zeitweilig außer Landes fliehen. Das hatte zur Folge, dass Bayern von österreichischen und englischen Truppen besetzt war. 1704 musste die Stadt Schrobenhausen mehr als zehntausend rheinische Gulden aufbringen, um mit dieser horrenden Kontribution den Schutz, die Salva guardia, vor Brandschatzung und Plünderung durch die Heere des Prinzen Eugen von Savoyen (+1663 – 1736) und des John Churchill, Herzog von Marlborough (1650 - 1722) zu erkaufen.
Müller gelang es, die heutige Altstadt vor der schon beschlossenen Kanonade durch die vereinigten Österreicher und Engländer zu bewahren, die untere und obere Vorstadt freilich, hatten immer noch genug Kriegsgräuel zu erdulden .
Die drei Ehen, die Bernhard Müller schloss, waren mit 9 Kindern gesegnet. Seine erste Gemahlin – Anna Regina Diepold aus Ingolstadt starb nach acht-jähriger Ehe. Die kurz darauf - am 23.07.1675 - geschlossene zweite Ehe mit der Rotgerbertochter Barbara Knoll von Scheyern, währte ebenfalls nur acht Jahre. Dann wurde ihm auch die zweite Gattin durch deren frühzeitigen Tod (+19.09.1683) entrissen. Darauf schloss er – am 02.02.1682 – die dritte Ehe mit Anna Katharina Cora, welche ihn später überleben sollte.
Von seinen weiteren Schicksalsschlägen ist bekannt, dass sein älterer Bruder, der Lacherbräu Anton Müller, der 1664 die geldige Bräumichl-Witwe Ursula Pals geheiratet hatte, 1669 von einem kaltblütigen Mörder erstochen wurde. All die Sorgen und Aufregungen des Bürgermeisteramtes während des Krieges, sind es gewesen, die den, noch nicht sechzig Jahre alten Lebzelter nach einem jähen Herzschlag ins Grab brachten. Das geschah am 16.09.1705 .
Was man nur geahnt, jedoch nicht gewusst hatte, kam nach Meister Müllers Tode rasch ans Tageslicht: Die Erziehung der 9 Kinder, die Kriegsfolgen, die vielen Krankheiten, Todesfälle und Wiederverheiratungen hatten den täglichen Geschäfteinnahmen des Lebzelters heillos überfordert. Die Schulden waren so hoch, dass jedes der Müller’schen Kinder mit knapper Mühe und Not fünfundzwanzig Gulden Erbe erhalten konnte. Der Sohn Joseph – welcher die Lehre als Lebzelter beim Vater begonnen hatte – musste diese bei seinem nachfolgend genannten Stiefvater beenden.
Seiner Witwe Anna Katharina, einer Neuburger Hofkurier- und Kastenamtsschreiber-Tochter , verblieb das Haus an der Zeil und ein kleiner Anger. Um der drohenden Armut zu entrinnen, rettete sich Anna Katharina Müller 1707 in eine zweite Ehe. Sie verheiratete sich in den Mittenwalder Lebzelter Anton Puechberger . Dieser konnte, als er in das Lebzelterhaus an der Zeil einzog, aber weder die versprochenen sechshundert Gulden Mitgift vorweisen, noch die fälligen dreißig Gulden Bürgerrechtsgebühr an die Stadtkasse bezahlen. Im Rathaus bat er, man möge ihm doch die dreißig Gulden stunden. Erst zwei Jahre später zahlte er. Die ehemalige Witwe Anna Katharina war vom Regen in die Traufe geraten. Weil Puechberger bald zu kränkeln anfing und die Schulden weiter kletterten, blieb der Lebzelterin nicht anderes übrig, als am 04.05.1714 „die Lebzelterbehausung samt Wachszieherei und Mettausschank, auch Weißbierkonzession, an den Mann ihrer Tochter, Andreas Hirschböck (Hirschpeck) , Bürger und Bäckermeister, um 1250 Gulden und zwei Schaff Korn abzugeben! “ Der Lebzelter an der Zeil hatte seinerzeit abgewirtschaftet . Das Leben des Lebzelter Bernhard Müller, seiner drei Ehefrauen Anna Regina, Barbara und Anna Katharina und ihrer Kinder war wohl kein Honiglecken gewesen. Es hatte ihnen mehr Bitternis als Süßes zu kosten gegeben.
B) Die Eltern und Geschwister des Consul, Senators, Lebzelter und Wachsziehers, Bernhard Müller, soweit diese ermittelt werden konnten:
Vater:
Müller Vitus , Gastwirt der Lacherbräu zu Schrobenhausen ab 1638, aus 2 Ehen 6 Söhne und 5 Töchter,
*um 1610 Niederscheyern,
+25.05.1664 Schrobenhausen,
oo I. um 1636 Schrobenhausen (II. 27.11.1657 Schrobenhausen Maria, To. d. Georg Bayr und Anna Öfele)
Mutter:
N.N. Ursula , Lebzeltertochter,
*um 1615 Schrobenhausen,
+24.09.1656 Schrobenhausen,
(oo I. Georg Lachemayr, Bürgermeister von Hohenwart , II. Johann Wilhalm, Bierbräu und Bürgermeister zu Schrobenhausen , +um 1636)
Kinder aus beiden Ehen des Vaters, soweit ermittelt:
1. Caspar *um 1639, oo 08.10.1663 Schrobenhausen Margarethe Fleischmann
2. Anton, *um 1641, +erstochen von einem kaltblütigem Mörder am 06.08.1669 in Schrobenhausen, oo 02.09.1664 Schrobenhausen Ursula, Witwe des Christopher Pals
3. To. N.N. *um 1643
4. Bernhard *um 1646, +16.09.1705 Schrobenhausen
5. To. N.N. *um 1647
6. To. N.N. *um 1649
7. Maria *18.09.1656, +12.03.1657
8. Maria *17.01.1659, +25.05.1659
9. Johann *18.05.1661, +21.01.1662
10. Christoph *15.02.1663, +04.04.1702 Wolnzach, des inneren Rats, Bürgermeister, Bierbräu und Metzger zu Wolnzach , oo 08.02.1683 Wolnzach Catharina, To. d. Johannes Bachmayr
11. Vitus 20.07.1664, +24.10.1665
C) Die Kinder des Consul, Senators, Lebzelter und Wachsziehers, Bernhard Müller aus 3 Ehen:
Aus I. Ehe am 30.08.1667 in Schrobenhausen mit Anna Regina Diebold von Ingolstadt, *um 1645, +14.06.1675 Schrobenhausen:
1. Maria, *19.08.1668 Schrobenhausen,
2. Franz Bernhard, *19.01.1671 Schrobenhausen, +,
Aus II. Ehe am 23.07.1675 in Schrobenhausen 23.07.1675 mit Barbara Knollin (Knoll), To. d. Rotgerbers Simon Knoll und seiner Hausfrau Maria N.N. von Scheyern, *um 1650, +02.09.1681 Schrobenhausen:
3. Franz Bernhard, *11.09.1676 in Schrobenhausen,
4. Maria Magdalena, *13.01.1678 in Schrobenhausen,
5. Anna Maria, *29.11.1679 Schrobenhausen, +20.05.1758 Schrobenhausen, oo 26.11.1704 Schrobenhausen Andreas Hirschböck (Hirschpeck) .
Aus III. Ehe am 02.02.1682 in Schrobenhausen mit Anna Katharina Cora von Neuburg a. d. Donau (Sie heiratet 1707 in Schrobenhausen in II. Ehe Johann Anton Puechberger und stirb am 25.03.1730 in Schrobenhausen.)
6. Anton, *25.10.1683 Schrobenhausen, +früh,
7. Joseph, *23.10.1684 Schrobenhausen, 1694 Lebzelterlehrling in München , 1707 Geselle bei seinem Stiefvater Johann Anton Puechberger,
8. Anton, *02.07.1687 Schrobenhausen,
9. Anna Regina, *19.09.1689 Schrobenhausen.
D) Zeichenerklärung:
* = geboren bzw. getauft
+ = gestorben bzw. beerdigt
oo = getraut
fl. = Gulden
N.N. = nomen nescio = Name unbekannt
So. d. = Sohn des
To. d. = Tochter des
E) Ortsverzeichnis
Aichach (86551)
Hohenwart (86558)
Ingolstadt (85049)
München (80331)
Neuburg a. d. Donau (86633)
Niederscheyern (86276)
Scheyern (85298)
Schrobenhausen (86529)
Wolnzach (85283)
F) Verzeichnis aller vorkommenden Familiennamen
Bachmayr
Bayr
Cora
Diebold
Ecker
Eisenhofer
Fleischmann
Hartl
Hirschpeck
Hirschböck
Knoll
Knollin
Kraus
Lachemayr
Lumpplechner
Miller
Müller
Oefele
Pals
Pirkmair
Puechberger
Reischl
von Savoyen
von Marlborough
Wenger
Wilhalm
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