Seite 1 von 1
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: So 28. Nov 2010, 16:29
von Markus
Rupperswil, d. 5 März 1863
Herrn J.J. Brunschwilers sel. ....... in Hauptwil!
Mit diesem ersuche ich Sie uns nächsten Dienstag
100 .. .. 40 ..... ..... ..... ....., zu ......
senden ich billiger, schöne farbe u. gute Qualität
erwarte
Grüsst Sie freundschaftlich
J.J. Wiget
Wer kann mir bei der Ergänzung helfen.
Was wurde bei wem bestellt?
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: So 28. Nov 2010, 20:18
von John
Rupperswil, d. 5 März 1863
Herrn J. J. Brunschwilers sel. Vetters in Hauptwil!
Mit diesem ersuche ich Sie mir nächsten Dienstag
100 (?) (?) 40 Zettel solid roth gefärbt, zu überschiken.
Indem ich billiges, schöne farbe u. gute Qualität
erwarte
Grüsst Sie freundschaftlich
J.J. Wiget
Anmerkung: Ich vermute dass die Symbole (?) Längenmasse (Ellen, Fuss etc.) und Anzahl (Ballen, Rollen etc.) bedeuten!
Beste Grüsse John
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: So 28. Nov 2010, 20:34
von Markus
Danke John
Was beudeutet wohl seligen Vetters........
an wen ging der Brief wenn J.J. Brunschwiler verstorben war?
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: So 28. Nov 2010, 21:31
von John
Hallo Markus
In Bischofszell aufgewachsen weiss ich dass Brunschweiler nicht nur bei der Gründung des Kanton Thurgau, sondern auch über Generationen in Hauptwil eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Im Internet findet man einen Ueberblick unter dem Titel "
Industrielehrpfad Hauptwil-Bischofszell, Wasser - Textil - Siedlung - Papier", worin auch die Rotfarb der Brunschweiler erwähnt ist. Darin ist ersichtlich dass der Nachkomme in dritter Generation eines J.J. Brunschwiler, vermutlich Emanuel um 1863 die Färberei geführt hat. Weitere Nachkommen haben sich bis 1984 mit dem Färben von Textilien beschäftigt.
Anmerkung: Durch Anklicken der Rollen am linken Bildrand gelangt der Leser zu weiteren interessanten Informationen aus diesem virtuellen Industrielehrpfad!
Beste Grüsse John
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: So 28. Nov 2010, 22:25
von Markus
Danke John!!!
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: So 28. Nov 2010, 22:39
von Wolf
Original von John
100 (?) (?) 40 Zettel
100 lb flo
lb = Pfund (libra)
flo = Gulden (florin)
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: So 28. Nov 2010, 22:41
von Pili
Noch eine Idee zu den Massen:
Das Zeichen nach 100 benutzte mein Urgrossvater in jener Zeit für "Pfund" (Region Thurgau).
Könnte das Zeichen vor 40 vielleicht als "No." für Nummer gelesen werden?
Ich lese bei den Zettel "solid Roth gestärkt".
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Mo 29. Nov 2010, 08:13
von waldy
Die Anrede im Brief heisst: Herrn J. J. Brunschwilers sel. Wit(t)we in Hauptwil.
Nach dem Tod des Firmengründers Johann Joachim Brunschwiler (1759-1830) betrieb seine Witwe Anna Brunschwiler, geb. Brüschweiler (1781-1854) den Färbereibetrieb mit drei Söhnen weiter; unter dem Namen 'J.J. Brunnschweilers's sel. Witwe'. Der Firmenname blieb noch bis zum Jahre 1890 so bestehen.
Um 1863 waren die Brüder Jakob Brunnschweiler-Wettler und Emanuel Brunnschweiler die treibenden Kräfte der Färberei.
Gruss - Waldy
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Mo 29. Nov 2010, 08:23
von Pili
Dank an Wolf für die Erklärung des Zeichens für Pfund und Gulden.
Ich zweifle eher, dass die Zahl 40 in Verbindung zum Gulden steht. Der Währungswechsel war in der Ostschweiz um 1852 erfolgt. In den darauf folgenden 1850er Jahren trifft man in alten Dokumenten noch auf die alte Währung, manchmal zusammen mit der neuen Währung. Aber nach 1860 ist das eher unwahrscheinlich.
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Mo 29. Nov 2010, 08:33
von Walter
Original von waldy
Die Anrede im Brief heisst: Herrn J. J. Brunschwilers sel. Wit(t)we in Hauptwil.
Eigentlich: .... sel. Wittw. (Abkürzung für Witwe)
Inhaltlich ist das natürlich das Gleiche

Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Mo 29. Nov 2010, 20:50
von Meibu
Hallo Markus
Hier meine übersetzung.
Rupperswil, d. 5. März 1863
Herrn J. J. Brunschwilers sel. Witter in Hauptwil!
Mit diesem ersuche ich Sie mir nächsten Dienstag 100 Pfund No. 40 Zettel solid Roht gefärbt zuüberschiken.
Sodann ich billiges, schöne farbe un gute Qualität erwarte Grüsst Sie freundschaftlich J. J. Wigat.
Nun meine Interpretation.
Mit diesem Brief ersucht Herr J. J. Wigat, Herrn J. J. Brunschwiler bis nächsten Dienstag ihm 100 Pfund No.40 Zettel solid Roth gefärbt zu überschicken.
Hier vermute ich das es sich um 100 Pfund, also 50 Kilo, Stoff handelt mit der bezeichnung No. 40 Zettel der Roth eingefärbt werden soll.
Gruss
Meibu
Christof Meissburger.
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Di 30. Nov 2010, 07:39
von Stephleuen
Hier wurden Zettel zur Webvorbereitung bestellt nicht etwa Notizettel.
Mit dem Zetteln wird der Webstuhl, die Kettfäden, zur Weberei vorbereitet.
Die Längsfäden eines Stück Tuchstoff oder TExtilien werden Kettfaden genannt der Querfaden ist der Schuss.
Beim Zetteln werden die Kettfäden auf Teilkettbäume aufgewickelt. Dies dient der Vorbereitung zum Webvorgang. Von den Teilkettbäumen, welche die Kettfäden in voller Webbreite enthalten, werden diese von den Teilkettbäumen auf den Kettbaum des Webstuhls übertragen. Diese Webvorbereitung geschieht auf der Zettelmaschine.
Anders ausgedrückt wurden Kettfäden bestellt. Diese sind auf Rollen bzw. aufgehaspelt - Zwirn.
Beste Grüsse
Stephan Leuenberger
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Di 30. Nov 2010, 07:54
von Stephleuen
Übrigens im Idiotikon findet sich eine Menge Infos zum Zettel
auch hier
http://www.fashion-base.de/Modelexikon/zetteln.htm+
Gruss
Stephan Leuenberger
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Di 30. Nov 2010, 09:11
von Aspis
Ich nehme an, der alte Ausdruck "sich verzetteln", rührt auch daher.
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Di 30. Nov 2010, 09:51
von Stephleuen
Original von Pili
Dank an Wolf für die Erklärung des Zeichens für Pfund und Gulden.
Ich zweifle eher, dass die Zahl 40 in Verbindung zum Gulden steht. Der Währungswechsel war in der Ostschweiz um 1852 erfolgt. In den darauf folgenden 1850er Jahren trifft man in alten Dokumenten noch auf die alte Währung, manchmal zusammen mit der neuen Währung. Aber nach 1860 ist das eher unwahrscheinlich.
Die Zahl 40 steht für die Farbnummer. Garnfärber arbeiten mit einem Zahlencode. Die Farb Rot Nr. 40 ist vielleicht heute noch erhältlich.
Wie Meibu weiter unten erklärt geht es bei den 100 Pfund nicht um einen Geldbetrag sondern um das Warengewicht der Bestellung; 50 Kilo Zwirnfaden zum Zetteln der als Kettfaden gespannt werden soll. Das ist etwa so viel es brauchen würde um den Berner Münsterturm zu umgarnen.
Kettfäden müssen stärker und belastbarer sein als der Schussfaden. Normale Fäden bestehen aus gesponnenen Fasern. Im Zwirn werden mehrere Fäden zusammen gedreht. Mehrer solche zusammengedrehte Fadenzwirne ergeben einen Zwirn. Zum Färbverfahren, je nach dem werden ganze Zwirne eingefärbt, was sicher rationell und wirtschaftlich ist aber bedeutende nachteile in der Farbqualität aufweisst. Werden bereits die Fäden eingefärbt und erst dannach zum Zwirn gesponnen entseht eine bessere Qualität in der Farberscheinung.
Gruss
Stephan Leuenberger
Brief von Bazenheid nach Hauptwil 1863
Verfasst: Di 30. Nov 2010, 20:09
von Markus
Herzlichen Dank allen eifrigen Helfern.
Es ist sehr spannend wie ein kleines Brieflein ein sehr interessantes Thema zum Vorschein bringt!