Wer hat früher die Kirchenbücher kopiert?

Für nicht kantonsspezifische Fragen. Vos messages ne concernant pas spédifiquement un canton. For your non canton specific questions.
Für nicht kantonsspezifische Fragen. Vos messages ne concernant pas spédifiquement un canton. For your non canton specific questions.

Moderator: Wolf

Antworten
microtherion
Beiträge: 10
Registriert: Fr 28. Mär 2025, 18:11
Geschlecht: Männlich

Wer hat früher die Kirchenbücher kopiert?

Beitrag von microtherion » Di 3. Mär 2026, 02:36

Kürzlich durfte ich mich an den makellos geführten (katholischen) Kirchenbüchern von Tägerig AG erfreuen. Beim Nachschauen im HLS wurde mir dann klar, dass diese grösstenteils Abschriften der Bücher von Niederwil AG sein müssen, weil Tägerig erst 1864 eine eigenständige Kirchgemeinde war. Solche "Zellteilungen" passieren natürlich recht oft, und oft sind auch innerhalb einer Gemeinde Abschriften von Pfarrbüchern vorhanden.

Das hat mich neugierig gemacht, wer und wie denn damals solche Abschriften angefertigt hat. Haben das die jeweiligen Pfarrer selbst gemacht, wurde das (im katholischen Fall) an ein Kloster delegiert, oder hat man versucht, Profis anzustellen? Gibt es dazu Literatur?



Peter.D
Beiträge: 2662
Registriert: Sa 27. Feb 2010, 17:53
Geschlecht: Männlich
Wohnort: Schweiz, Zürich

Re: Wer hat früher die Kirchenbücher kopiert?

Beitrag von Peter.D » Di 3. Mär 2026, 18:02

Hast du schon die Handschrift des Pfarrers in den Büchern nach 1864 mit den Abschriften verglichen? Vermutlich wollte er nicht immer nach Niederwil gehen, wenn er ältere Daten benötigte. Vorgeschrieben war das aber nicht: bei den zur gleichen Zeit neu errichteten Pfarreien Dottikon, Döttingen oder Spreitenbach z.B. war dies gemäss Katalog nicht oder nur in geringem Masse so.

Viele Abschriften entstanden auch ab 1876, weil die Pfarrer die Kirchenbücher an die neu errichteten Zivilstandsämter abliefern mussten. Im katholischen Berner Jura war dies sogar bereits ab 1873 Pflicht; die Abschriften befinden sich dort heute meist im Staatsarchiv, wurden aber erst vor wenigen Jahre katalogisiert.

In den Fällen, die ich gesehen habe, hat meistens der Pfarrer die Abschriften selbst erstellt. Die grosse Ausnahme ist Basel-Stadt, wo ab 1842 Kopien zur Datensicherung im grossen Stil von einer entlöhnten Arbeitsgruppe angefertigt wurden. Neben Pfarrern, die nach der Kantonstrennung keine Pfarrstelle mehr hatten, beteiligten sich auch Theologiestudenten und genealogische Forscher daran.

In mehreren Kantonen mussten die Pfarrer im 19. Jh. auch Doppel der Kirchenbücher zuhanden der staatlichen Behörden erstellen, in Neuenburg wurde diese Aufgabe den Notaren zugeteilt.

Peter



microtherion
Beiträge: 10
Registriert: Fr 28. Mär 2025, 18:11
Geschlecht: Männlich

Re: Wer hat früher die Kirchenbücher kopiert?

Beitrag von microtherion » Di 10. Mär 2026, 01:20

Peter.D hat geschrieben: Di 3. Mär 2026, 18:02 Hast du schon die Handschrift des Pfarrers in den Büchern nach 1864 mit den Abschriften verglichen?
Gute Idee! Die Handschrift scheint tatsächlich sehr ähnlich zu sein, also war es wohl der Pfarrer selbst.
In mehreren Kantonen mussten die Pfarrer im 19. Jh. auch Doppel der Kirchenbücher zuhanden der staatlichen Behörden erstellen, in Neuenburg wurde diese Aufgabe den Notaren zugeteilt.
Die Neuenburger Bücher (im Staatsarchiv, also wohl die Kopien) sind mir auch durch ihre saubere Führung aufgefallen. Ich hatte das dem preussischen Einfluss zugeschrieben…



Peter.D
Beiträge: 2662
Registriert: Sa 27. Feb 2010, 17:53
Geschlecht: Männlich
Wohnort: Schweiz, Zürich

Re: Wer hat früher die Kirchenbücher kopiert?

Beitrag von Peter.D » Di 10. Mär 2026, 17:49

microtherion hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 01:20 Die Neuenburger Bücher (im Staatsarchiv, also wohl die Kopien) sind mir auch durch ihre saubere Führung aufgefallen. Ich hatte das dem preussischen Einfluss zugeschrieben…
Das hat schon noch etwas: die Verordnung über die Führung der Kirchenbücher inkl. Doppel durch die Notare stammt von 1824, als Neuenburg sowohl zu Preussen wie auch zur Eidgenossenschaft gehörte. Die Doppel sind heute im StANE, die Originale bis 1824 aber auch. In Preussen selbst galt die Duplikatspflicht schon seit 1794.

Basel hat per 1.1.1826 die Führung doppelter Kirchenbücher angeordnet. Dafür zuständig war in den Landgemeinden der jeweilige Schullehrer; die Doppel sind daher nicht selten besser lesbar als die Originale. Im Archivkatalog sieht man nicht, welches die Originale und welches die Doppel sind. Das Buch von Pratteln z.B. ist aber ausdrücklich als Doppel angeschrieben, auch das ist lange nicht überall der Fall. Oft kann man die beiden Exemplare nur daran unterscheiden, dass die Tauf- oder Trauzeugen nicht mit kopiert werden mussten. Das Original blieb beim Pfarrer, das Doppel kam in die Kanzlei der Gemeinde. Baselland hat die doppelte Führung auch nach der Kantonstrennung weitergeführt.

Peter



Antworten

Zurück zu „General“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste