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"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Sa 4. Aug 2007, 09:01
von Brian
Bei der Durchsicht von Kirchenbüchern aus dem Raum Sinsheim habe ich das Gefühl (d.h. ich hab's bisher nicht satistisch erfasst und somit nicht überprüft), dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts (und am Ende des 17.) sehr viele "Auswärtige" in die Dörfer zugewandert sind und nicht etwa aus dem Nachbardorf, sondern z. B aus der Region Ansbach/Nürnberg, aber auch von weiter her.
Die Zuwanderung der Schweizer in den Kraichgau und teilweise auch die Hintergründe (30jähriger Krieg auf der einen Seite, Überbevölkerung auf der anderen) sind mir bekannt.
Ist jemandem von euch die oben genannte Häufung auch aufgefallen? Wenn ja, sind die Hintergründe ähnlich wie bei den Schweizer Einwanderern?

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Sa 4. Aug 2007, 13:17
von Heine
Also am krassesten sind mir die Einwanderungen nach Oberschwaben aus der Schweiz und dem Vorarlberg / Bregenzerwald nach dem Dreißigjährigen Krieg in die stark dezimierten Dörfer aufgefallen... Doch habe ich auch noch einen Immigranten aus der Schweiz Mitte des 18. Jahrhunderts in meinem Stammbaum, sowie eine Familie, die um 1800 aus der Nähe vom Federsee nach Bregenz und einige Jahre später wieder zurückgewandert ist...

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Mo 6. Aug 2007, 12:30
von Konstantin Huber
Die Mobilität war auch meiner Einschätzung nach enorm hoch. Viele Menschen verließen während des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688-1697) auf der Flucht vor dem Militär und/oder aus Hunger ihre Heimat und längst nicht alle kehrten zurück. Für den Raum Maulbronn habe ich das vor Jahren untersucht: Die Auswirkungen der Kriegsereignisse 1688 bis 1697 auf die Bevölkerungsentwicklung im Maulbronner Raum.

Zu Ansbach: Vor einiger Zeit startete ich hier einen Thread Aus der Markgrafschaft Ansbach nach Westen - systematische Untersuchungen dazu aber gibt es offenbar nicht!?

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Mo 6. Aug 2007, 20:00
von Brian
Hallo Konstantin
Im Emigartionsboard habe ich ein Attachement angehängt zum Thema "Ansbacher im Kraichgau".
Gruss Brian

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Mo 6. Aug 2007, 20:30
von Michael.
Mir ist auch aufgefallen, daß nach dem 30jährigen Krieg 1618-1648 viele Einwanderer aus der Schweiz kommen und nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg 1688-1697 aus Franken.
Die Einwanderung dürfte für alle Gebiete in Baden-Württemberg zutreffen, nicht nur für den Kraichgau.

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Mi 8. Aug 2007, 13:21
von js
Für die Kurpfalz und die Reichsritterschaftlichen Gebiete lassen sich nach 1700, in geringerem Maße auch vor 1700 etliche Zuwanderer aus der Markgrafschaft Ansbach nachweisen, weit mehr jedoch aus den übrigen hohenlohischen Gebieten. Aus diesen Richtung kamen im ersten Drittel des 18. Jhd. deutlich die meisten lutherischen Zuwanderer. In mancher Hinsicht gilt das auch für die benachbarten westfränkischen Regionen (für Katholiken).

Bei einigen Recherchen in Hohenlohe/Franken fällt auf, dass nach den Bevölkerungsverluste durch den 30. Jährigen Krieg ein viel stärkerer Bevölkerungszuwachs erfolgte, als das z. B. in Kurpfalz und Anrainer der Fall war. Dort war die Ausgangslage nach dem Krieg ohnehin schlechter und durch den Erbfolgekrieg wurde die Entwicklung unterbrochen. Bei Forschungen in den Herkunftsregionen fällt auf, dass manche Familiennamen gegen Ende 17. Anfang 18. Jhd. komplett durch Abwanderung verschwunden sind.

Grund hierfür sind zum einen wirtschaftliche Gründe, wie auch eine generell sehr viel größere Mobilität innerhalb der Bevölkerung zu dieser Zeit. In mehreren Fällen kauften die Zuwanderer die Hofstätten derer ersten Pfälzer, die nach Amerika auswanderten. In etlichen bearbeitenten Fällen lagen keine wirtschaftlich zwingenden Gründe für eine Auswanderung vor.

Jan Sandmaier

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Mi 8. Aug 2007, 15:46
von Brian
Original von js
Grund hierfür sind zum einen wirtschaftliche Gründe, wie auch eine generell sehr viel größere Mobilität innerhalb der Bevölkerung zu dieser Zeit.
Danke für die Info.
Wenn es aber nicht (nur) wirtschaftliche Gründe waren, wo kommt dann diese grössere Mobilität her?
Die heutige hohe Mobilität ist ja - denke ich mal - zum Einen durch die Technik und die damit besseren Reisemöglichkeiten, zum Anderen durch der Globalisierung ausgelöst.

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Mi 8. Aug 2007, 19:00
von Irene
Diese Zuwanderungen gibt es auch im Saarland und Lothringen :oft sind es Soldaten
die , wie z.B ,in Saarlouis heiraten.

Viel Größer ist die Zahl der Handwerker , ich nehme mal an !!!!!!!, auf der Walz , Gesellenzeit,blieben sie ,heirateten oft die Meisterswitwe oder die Töchter.
Groß ist der Zuzug aus Württemberg.

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: So 13. Jul 2008, 12:27
von gebhardino
Habt ihr Hinweise darauf, dass sich die Auswanderung von der Schweiz nach Deutschland städteweise vollzogen hat.
So dass also der Zuzug in die Dörfer und Städte von jeweils der gleichen Schweizer Gegend stammt ?

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Mo 14. Jul 2008, 00:21
von Ulrich
nach der Entvölkerung der betroffenen Gebiete haben sich die Fürsten die Mühe machen müssen, da ihnen ja mit der Bevölkerung auch Geld verloren ging, wieder neue Bewohner anzusiedeln. Aus diesem Grund waren in vielen Staaten Werber unterwegs die Leute für die Gebiete geworben haben. Nicht immer mit Einwilligung der dortigen Landesherren.

Uli

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Do 17. Jul 2008, 19:57
von Brian
Original von gebhardino
Habt ihr Hinweise darauf, dass sich die Auswanderung von der Schweiz nach Deutschland städteweise vollzogen hat.
So dass also der Zuzug in die Dörfer und Städte von jeweils der gleichen Schweizer Gegend stammt ?
"Städteweise" ist wohl das falsche Wort, aber H.U. Pfister hat in seiner Dissertation (Die Auswanderung aus dem Knonauer Amt) gezeigt, dass die ersten Auswanderer oft eine grosse Hilfe für weitere Auswanderungswillige waren und dadurch oft weitere Personen aus ihrem Umkreis zur Auswanderung ins selbe Dorf/die selbe Gegend ermutigt haben bzw. unterstützen konnten.

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Fr 18. Jul 2008, 20:03
von Konstantin Huber
Die Strukturen der Einwanderung unterschieden sich wenig von anderen Wanderungsbewegungen, wie man sie bis heute kennt: Oft ging man zunächst zu Verwandten oder Bekannten an deren neuen Wohnort und suchte sich dann in der Nähe Arbeit. Dem entsprechend gibt es je nach Ortschaft signifikante Besonderheiten. So betrug zum Beispiel in Eppingen der Anteil der Zürcher sogar über 50 Prozent; die ersten Kraichgaueinwanderer aus Hedingen im Kanton Zürich kamen allesamt nach Eppingen. Im Gebiet um Bretten-Bruchsal hingegen sind Auswanderer aus Graubünden, insbesondere aus Davos, weit überdurchschnittlich vertreten.

"Mobilität" zu Beginn des 18. Jh.

Verfasst: Sa 19. Jul 2008, 17:23
von gebhardino
Hallo Konstantin,
danke - genau diese Informationen bringen den weiter, der tote Punkte hat. Wenn 50% der Einwanderer aus derselben Ursprungsgemeinde kommen kann es sich sicher lohnen dort mal nach Glückstreffern zu suchen.